Werben
 
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Biographie

Zwei zu Hause hatte ich auf Erden“

 

Einweihung

Einweihung des neuen Mato-Kosyk-Gedenksteins am Rosenplatz.

 

 

 

Bis in die 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts war den Menschen in der wendischen Niederlausitz der Name Matthes Kossick durchaus ein Begriff, mit dem sie allerdings nicht viel anfangen konnten. Ein Hauptgrund des mangelnden Bekanntheitsgrades Mato Kosyks ist darin zu suchen, dass seine Werke fast ausschließlich in sorbischen Publikationen erschienen sind und somit den deutschsprachigen Menschen in der Niederlausitz und darüber hinaus nicht zugänglich waren. In den 70- und 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es verstärkte Bemühungen, diesem Mangel abzuhelfen. Der sorbische Historiker und Publizist, Dr. Frido Metsk, machte es sich zur Aufgabe, Leben und Werk unseres Dichters zu erforschen. Große Anerkennung gebührt den Herren Klaus-Peter Jannasch - Fachschuldozent i. R.- Cottbus und Professor Roland Marti von der Universität Saarbrücken. Sie haben schon 1994 einen Faksimiledruck mit einer größeren Anzahl der Werke unseres Dichters herausgegeben. Inzwischen sind weitere Publikationen erschienen

 

Wenig bekannt war jahrzehntelang über den amerikanischen Lebensabschnitt des 1883 nach den USA emigrierten Dichters. Immerhin verbrachte er den größten Teil seines Lebens - 57 Jahre - von seiner Heimat getrennt. Licht in dieses Dunkel gebracht zu haben, ist das große Verdienst von Professor Richard Dalitz (Jahrgang 1925) in den 70- und 80-er Jahren an der Universität Oxford (England). Er ist ein Nachfahre wendischer Emigranten aus der Niederlausitz, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Australien auswanderten und der sich unserem Dichter auch deshalb verbunden fühlt, weil dessen Heimatdorf Werben auch das seiner Vorfahren war. Die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit an mehreren Wirkungsstätten Kossicks als Pfarrer und Dichter in Amerika, veröffentlichte Dalitz in gemeinsamer Arbeit mit seinem Kollegen Professor Gerald Stone, ebenfalls in Oxford. 1976 erschien das Buch „Mato Kosyk in America“, allerdings in Englisch. Damit konnte eine wesentliche Lücke in der Kossick-Forschung geschlossen werden.

 

(Anmerkung zu Prof. Dalitz: Er kam als erster der Nachfahren der Werbener Auswanderer nach Australien, bereits Anfang der siebziger Jahre nach Werben, um die Heimat seiner Vorfahren kennen zu lernen. War mehrmals hier, das letzte Mal zur 650-Jahrfeier von Werben im Jahre 1996.)

 

Die Vorfahren von Matthes Kossick…

gehören zu den ältesten Familien in Werben. Sie zählten zu den Hüfnern (Großbauern) des Dorfes. Erstmals werden in einem Aktenstück aus dem Jahre 1533 ein George Kossick und ein Lukas Kossick erwähnt. In der Hufenrolle von 1602 werden genannt: Melcher K. 11/2 Hufen und Matthäus K. ebenfalls 11/2 Hufen Land. Im ältesten Kirchenbuch - 1641 angelegt - finden wir die beiden Kossick-Familien mehrmals genannt. Schon von altersher wurden sie wendisch als Kossick Blische und Kossick Dalsche bezeichnet; also der Nächste K. und der Weiteste K., d. h. der Nächste war der am nächsten von der Kirche wohnende und der andere demzufolge der am weitesten von der Kirche wohnende. Im Laufe der Jahre bildeten sich aus den beiden Familien weitere Nebenlinien heraus, die teils wieder verschwanden, teils aber bis zum heutigen Tag bestehen. So gab es vor 100 Jahren in Werben an die zehn Familien des Namens Kossick. Die Familie der Blische Kossick fand die stärkste Verbreitung in Werben. Aus ihr gingen auch die Vorfahren unseres Dichters hervor.

 

Matthes Kossick wurde am 18. Juni 1853 in Werben geboren. Seine Eltern waren: George Kossick genannt Richo (geb. 16.1.1826 in Werben, gest. 17.1.1896 in Werben) und Marie, geborene Schillo, genannt Metk (geboren 12.1.1834 in Werben, gestorben 13.12.1917 in Werben). Die Familie hatte drei Söhne und eine Tochter. Das jüngste Kind, das 1864 geborene Schwesterlein Majka/Marie starb im Alter von 8 1/2 Jahren. Zuvor starb bereits der Sohn George (geb. 1859 - gest. 1863). …Der am 30. Juni 1856 geborene Christian übernahm vom Vater die Kossätenwirtschaft... Leider verstarb Christian bereits mit 30 Jahren im Jahre 1886…

 

Die Kossätenwirtschaft von Matos Großvater und Vater, gelegen neben dem Gutshof von Bomsdorff, hatte die Größe von etwa 6 Hektar. Etwas Grünland wurde vom Gutsherrn gepachtet. Mindestens bis 1855 wohnte die Familie auf diesem Hof. Die Werbener nannten ihn nach dem Vorbesitzer „Rychows Hof“. Als dann der Vater sich am Müschener Weg einen neuen Hof aufbaute, übertrug sich auch der alte Hofname Rychow. Fälschlicherweise wurde dieses Haus später als Geburtshaus von Mato bezeichnet. Aber dieses Haus hat er nie zu Gesicht bekommen, denn es wurde erst 1908 erbaut. Die Kossicks wohnten zu Matthes Zeiten in dem dahinter liegenden Haus, das noch heute besteht. Hier verlebte unser Dichter seine Kinder- und Jugendjahre. Bemerkenswert an diesem Gebäude ist das Schieferdach. Solche Art Dächer waren für unsere Gegend untypisch. Bis 1982 war das Haus noch bewohnt von einer alten Dame.

 

 

alter Kosyk-gedenkstein aufgenommen 2013 

Der alte Gedenkstein steht auf dem sogenannten "Sigismunds Hof", einem der einst fünf Gutshäuser von Werben, in der Nähe des Kosyk´schen Elternhauses.

 

Das eigentliche Geburtshaus des Dichters - ein geräumiges, mit Stroh gedecktes Fachwerkhaus - neben dem alten Mato-Kosyk-Denkmal - ist am 22. April 1945 im Verlauf der Kampfhandlungen in Flammen aufgegangen… Glücklicherweise wurde das Haus 1940 fotografiert und ist im Buch „Werben – Geschichte eines Spreewalddorfes“ veröffentlicht. Das Fachwerkhaus wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, etwa um 1770/1780, erbaut. Es war ziemlich geräumig, hatte mehrere Stuben und die damals übliche große Küche mit dem Kamin, "schwarzes Loch" oder auch "Hölle" genannt.

 

Matos Vater war ein intelligenter und für die Bildung aufgeschlossener Bauer. Als Anhänger der Herrnhuter Brüdergemeine hätte er es gern gesehen, dass sein Sohn in den Kreis der wendischen Geistlichkeit aufsteigt. Die Werbener Anhänger der Brüdergemeine traten aber nicht aus der Evangelischen Landeskirche aus. Matthes Eltern hielten sich streng an die Normen einer christlichen Lebensweise nach der Tradition der Brüdergemeine. Der Einfluss, den die Brüdergemeine in Werben ausübte, überdauerte fast fünf Generationen und spiegelte sich wider im Wirken von Missionaren und Diakonissen, die aus Werben stammten. Auch das kulturelle Leben war zu Matos Kinder- und Jugendzeit rege und interessant. 1854 erfolgte die Gründung des Männer-Gesangsverein. Es folgte der Kriegerverein im Jahre 1877. Die Jugend des Dorfes traf sich in zwei Spinnstuben.

 

Als Matthes 1859 das erste Mal zur Schule geht, spricht er nur wenig Deutsch; nach drei Jahren Schulbesuch kann er sich bereits sehr gut in Deutsch ausdrücken. Seine Lehrer, insbesondere der Erste Lehrer Chrisian Piater, erkennen frühzeitig die außerordentliche Begabung des aufgeweckten Jungen. Auch der damalige Pfarrer, Friedrich Pottke, ist der gleichen Meinung und er schlägt den Eltern vor, ihn auf das Gymnasium in Cottbus zu schicken. Im Herbst 1867 wird Matthes in das 2. Semester der Quinta (die 5. Klasse einer höheren Schule) des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums aufgenommen. In diesem Haus erhielt er in viereinhalb Schuljahren seine Ausbildung. Der fakultative Wendischunterricht, an dem Kossick selbstverständlich teilnahm, war gut besucht.

 

Für seine Mitschüler, die aus den wendischen Pfarrers- und Lehrerfamilien der Niederlausitz kamen, war es so zu sagen eine ethische Pflicht, die wendische Sprache in Wort und Schrift zu erlernen. Auch die aus wohlhabenden Bauernhäusern kommenden jungen Leute konnten sich insbesondere in der alten wendischen Schrift vervollkommnen. Die meisten der wendischen Gymnasiasten, so auch Mato, wollten nach der Matura (Abitur) ein Studium der Theologie an einer Universität aufnehmen…

 

Eine enge Freundschaft verband Kossick mit seinem Mitschüler Paul Vester, Sohn eines Cottbuser Tuchfabrikanten. Durch ihn fand er Eingang in die Welt des liberal und teilweise antiklerikal fühlenden Bürgertums. Es kamen ihm erste Zweifel, ob das gestellte Berufsziel, Pfarrer zu werden, richtig war. Auch ärgerten ihn die patriotischen Veranstaltungen am Cottbuser Gymnasium, die nach dem gewonnen Krieg gegen Frankreich 1870/71 eine Steigerung erfuhren. Zusammen mit Freund Vester entschloss sich Mato, vom Cottbuser zum Luckauer Gymnasium überzutreten. Beide begaben sich in den Ferien zu Fuß nach Luckau, um von den Verhältnissen am dortigen Gymnasium zu erfahren. Dieser Ausflug war wenig erfolgreich und Kossick klagte: "Nichts haben wir dort erfahren, einzig übermüdet und von Blasen schmerzenden Füßen."

 

Kein Wunder, dass unter diesen Verhältnissen die schulischen Ergebnisse von Matthes nachließen. Es kam bei ihm noch eine langwierige Lungenkrankheit hinzu, die die Situation noch verschlimmerte. Die Unlust zum weiteren Besuch der Schule wurde so groß, dass Kossick und Vester 1873 von der Schule gingen. Jahre später hat er diesen Schritt als unüberlegt bedauert.

 

… Kossick fand sein tägliches Brot im Dienste der Leipzig-Dresdener Eisenbahn von 1873-1877. Eine gewichtige Rolle haben sicher auch die Schulgeldzahlungen des Vaters gespielt. Matthes beobachtete mit Sorge, dass sie dem Vater immer schwerer fielen… Ohne Matura blieben ihm die Tore der deutschen Universitäten verschlossen. Dies sollte noch schwerwiegende Folgen für sein weiteres Leben haben.

 

Die Rückkehr Kossicks vom Eisenbahndienst nach Werben ist die Folge seiner Entscheidung, sich als unabhängiger und freier Schriftsteller in Deutschland zu etablieren. In den sechs Jahren seiner Werbener Tätigkeit (1877-1883) gibt er seinen Beruf mit „Literat“ an. Trotz mancher Vorbehalte hat sein Vater den „Literaten“ in seinem Hause toleriert. Er hätte aber lieber den Sohn hinter dem Pflug gesehen. Sich als freier Schriftsteller im kaiserlichen Deutschland niederzulassen, war gewiss nicht leicht. Das hatte Kossick mittlerweile zu spüren bekommen. Er sah schnell die Ausweglosigkeit dieses Unterfangens ein; allerdings erging es ihm dann als „wendischer Poet“ nicht besser. Jedenfalls reichte das Geld, das er für seine Tätigkeit als Dichter, wendischer Zeitungsredakteur und Übersetzer erhielt, nicht zum Leben und nicht zum Sterben.

 

1881 finden wir ihn als Mitarbeiter bei der wendischen Wochenzeitung „Bramborske Nowiny“ (zu deutsch: Brandenburgische Neuste Nachrichten.) Trotz genannter Schwierigkeiten, ließ sich der Literat nicht entmutigen. In dieser so genannten Werbener Phase schrieb der Dichter seine bedeutendsten Werke. Ein neu gewonnenes Selbstbewusstsein beflügelte ihn in seinem Schaffen. Er glaubte an eine nationale Wiedergeburt des Wendentums in der Niederlausitz, an die Erhaltung der wendischen Sprache und Kultur.

 

Im Februar 1880 teilt Kossick mit, dass er seine epische Dichtung "Wendische Hochzeit im Spreewald" vollendet habe. Er hoffe, dass diese in 2 000 Hexametern (sechsfüßiger Vers) geschriebene Idylle den Menschen gefallen wird. Darin beschreibt der Dichter im schönen wendischen Werbener Dialekt anschaulich Vorbereitungen und Durchführung der Hochzeit nach damaligem Brauch. Damit wollte er dem alten Werbener Hochzeitsbrauch ein bleibendes literarisches Denkmal setzen, wohl wissend, dass Trachten, Sitten und Bräuche zum Teil der Mode unterliegen bzw. gänzlich verschwinden. Es fand sich aber niemand, der die Herausgabe des Büchleins finanziell unterstützen wollte und so musste der Dichter den Druck aus seinem schmalen Geldbeutel allein bezahlen.

 

Im Jahre 1876 verstarb der Werbener Pfarrer Friedrich Pottke. In der folgenden Pfarrvakanz bemühte sich der Gemeindekirchenrat um die Anstellung eines der wendischen Sprache mächtigen Geistlichen. Diesem Anspruch der großen Mehrheit der Gemeindeglieder, musste auch das Kirchenpatronat sich beugen. Nach zweijähriger Vakanz entschied man sich für den aus der Oberlausitz stammenden Pfarrer Bernhard Kruschwitz. Bei Matthes Kossick nahm er Unterricht in der niederwendischen Sprache, die ihm als gebürtiger Obersorbe nicht geläufig war. Der neue Pfarrer setzte sich mit einigen gleichgesinnten niederwendischen Pfarrern für die Herausgabe eines neuen bzw. revidierten größeren wendischen Gesangbuchs ein. Eine gebildete Kommission sollte eine modernisierte sprachliche Fassung der Gesangbuchlieder erarbeiten. Auf Vorschlag von Kruschwitz arbeitete auch Mato Kosyk an diesem Vorhaben mit. Einen großen Teil der in Frage kommenden Lieder hat er selbst in Reim und Wortwahl verbessert. Diese Neuerungen hatten es schwer, sich in den Gemeinden durchzusetzen, zumal ja noch alte Gesangbücher in den Häusern der Gemeindeglieder vorhanden waren. In Werben jedenfalls löste die Einführung des neuen Gesangbuches einen Sturm der Entrüstung aus, der sogar in Berliner Zeitungen seinen Niederschlag fand.

 

In der „Vossischen Zeitung“ erschien in der Beilage Nr. 203 (Mai) vom Jahre 1883 folgende Mitteilung (gekürzt): „Werben, den 1. Mai. Zwischen unserer Gemeinde und dem hiesigen Pfarrer ist in Folge eines von demselben, ohne vorherigen Beschluß des Gemeindekirchenrates, eingeführten neuen wendischen Gesangbuches ein unangenehmer Zwist entstanden. Das Buch selbst, das weder vom Konsistorium, noch von der Provinzial-Synode genehmigt und für den Gebrauch der niederlausitzer Wenden ungeeignet ist, weil es sehr viel hier nicht gekannte oberlausitzische und slawische Ausdrücke enthält, ist das Produkt einer Gesellschaft, die wesentlich aus den Mitgliedern des ‚Wendischen Vereins’ sich zusammensetzt. Zu haben ist dasselbe bei dem Herrn Pfarrer selbst für den Preis von 3-5 Mark, wie dieser am Sonntage vor Ostern von der Kanzel der Gemeinde mitteilte. In einer der letzten Sitzungen nun des Gemeindekirchenrates soll es dem Pfarrer gelungen sein, eine Majorität für sein Gesangbuch zu erlangen. ...“

 

Wir wissen, dass sich viele Gemeindeglieder obengenannte Argumente zu eigen gemacht haben. Es kommt auch stark die Liebe der Menschen zu ihrem niederwendischen Idiom zum Ausdruck. Für den künftigen Dichter Mato Kosyk eine herbe Zurechtweisung, sich mehr auf den Reichtum der niederwendischen Sprache zu besinnen. Er hat diese Lektion gelernt.

 

Die zweite große epische Dichtung erschien unter dem Titel „Der Verrat des Markgrafen Gero“, ein Thema aus der frühen Zeit der deutsch-slawischen Geschichte. Umfassend und breit ist die Sammlung seiner Lyrik und Epik der kleinen Form dieser Werbener Jahre. An die 200 Gedichte oder dichterische Übersetzungen sollen es gewesen sein. Die Themenkreise, in welche seine Schöpfungen später eingeordnet wurden, waren:

 

„Suchende Seele“ - vereint halbgeistliche und geistliche Lieder und Sprichwörter. „Kinderparadies“ - übermittelt Reminiszenzen der frühen Kinderjahre.

 

„Bleibe fromm“ - zeugt von seiner tiefen religiösen Weltanschauung.

 

Viele Gedichte sind seiner Lausitzer Heimat und seinem Heimatort Werben gewidmet. Sein dichterisches Schaffen in Amerika wird unterteilt in drei Phasen, deren letzte 1937 zu Ende ging.

 

Kossick geht nach Amerika

Plötzlich, von niemandem erwartet, verließ der Dichter seine Heimat, begab sich nach Amerika, um dort ein Theologiestudium aufzunehmen. Von 1883 bis 1885 studierte er am Predigerseminar in Springfield und Chicago. Nachdem er sein Predigerexamen mit Erfolg abschloss, kehrte er nochmals nach Deutschland zurück. Kossick wusste, dass sein amerikanischer Abschluss von der Evangelischen Kirche nicht anerkannt wird, zumal er keinen Abiturabschluss hatte, sondern nur ein „Einjährigen-Zeugnis“; Obersekundarreife hatte. Er bewarb sich also vergeblich um eine Pfarrstelle in einer wendischen Gemeinde, machte sich dennoch Hoffnungen, etwa in den Dienst als Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine zu treten. Doch auch diese Hoffnung erfüllte sich nicht, schon wegen seiner labilen körperlichen Verfassung, so dass Kossick nach mehrmonatigem Aufenthalt in Werben seine Heimat nun definitiv verließ und nach Amerika zurückkehrte.

 

In den Jahren von 1887 bis 1907 war Mato Kosyk nacheinander in mehreren Gemeinden des Mittelwestens als Pfarrer tätig. Im Jahre 1913, im Alter von 60 Jahren, trat er aufgrund eines Gehörleidens in den Ruhestand. Er siedelte über in das Dorf Albion im Staate Oklahoma und kaufte sich dort eine Farm. In diesem Gebiet lebten zu dieser Zeit die meisten Indianer der USA. Matthes hatte mit ihnen vielseitige Kontakte, aber er war niemals Pfarrer in einer indianischen Gemeinde - wie von einigen „Kossick-Kennern“ behauptet - sondern er war all die Jahre Pfarrer in deutschen Gemeinden der Lutherischen Kirche Amerikas.

 

Materielle Not hat Mato Kosyk in Amerika in keinem Lebensabschnitt gekannt. Im Gegenteil, durch Landspekulationen, wie sie damals von vielen Amerikanern betrieben wurden, kam er zu einem beachtlichen Vermögen. In den letzten Jahren seines Lebens hat er einen großen Teil seines Vermögens den armen Menschen seiner Umgebung und vor allem der Lutherischen Kirche gegeben. Auch seine nächsten Verwandten in Werben und die Werbener Kirchengemeinde wurden mit Geldgaben bedacht. Kossick musste auch leidvolle Erfahrungen machen. Seine erste Frau brachte seinem dichterischen Schaffen wenig Verständnis entgegen. Sein einziger Sohn starb bereits in jungen Jahren an den Folgen eines Unglücksfalles (er stürzte vom Pferd).

 

Kontakte Kossicks zur alten Heimat…

…konnten dazumals nur durch den Briefwechsel über die Post aufrecht erhalten werden. Viele seiner Briefe sind bekannt, ein Teil ist durch Unachtsamkeit oder in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Dr. Metsk hat die Kosyk-Briefe gesammelt und ausgewertet. Seine Briefe richteten sich in der Hauptsache an seine Eltern und die übrigen. Verwandten in Werben. Diese Korrespondenz wurde teilweise auch in deutscher Sprache abgewickelt. Zu Problemen seiner literarischen Arbeit hatte er als Ansprechpartner u. a. den Werbener Pfarrer Bernhard Kruschwitz. Er amtierte hier von 1878 bis 1919. Das war auch gleichzeitig das Ende des wendischen Gottesdienstes in Werben. Sein wichtigster Briefpartner und Freund war der Pfarrer Gotthold Schwela/Bogumil Šwela). Er war 20 Jahre jünger als Kossick und von 1913 bis zu seiner Emeritierung 1941 Pfarrer in Dissen. Ihm vertraute er sich auch in privaten Dingen an. Kossicks Kontakte zu einigen obersorbischen Persönlichkeiten bezogen sich in der Hauptsache auf gemeinsame literarische Interessen.

 

Matthes Kossick sagt in einem Brief vom 13. Juni 1938, zwei Jahre vor seinem Tode, zum Problem des wendischen Volkstums voller Resignation voraus: „So entstehen zu Hause große wendische Beerdigungen. Kein Wunder, wenn der politische Wind die Laute der Volkssprache verweht. Trotzdem kann sich die Tracht der Frauen noch lange erhalten. Letztlich ist aber die Äußerlichkeit Vergangenheit. Lediglich einzig die wendische Frömmigkeit sollte sich nicht zwischen den kämpfenden Seelen verlieren und verwandeln. Sicherlich wird dieses Geschehen viele traurig machen, wie die in der deutschen Sprache schwachen lieben Alten und auch diejenigen, welche nicht nur für den Fortbestand der wendischen Sprache gekämpft haben, sondern auch für die Stärkung der Gottesfurcht.

 

Es ist wahr, unsere wendischen Leute hatten nicht viel Zeit für Literatur, denn sie mußten zuallererst sich um das tägliche Brot sorgen. Aber trotzdem war ihnen jedes wendisch Geschriebene willkommen. So bleiben wendische Schriften jetzt stumme Buchstaben!“

 

Diese Worte sind - wie es scheint - die letzte grundsätzliche Aussage des hochbetagten Greises, die zudem einen religiösen Charakter trägt. Die Dichterfeder hat er nun nicht mehr in die Hand genommen. Das hat zu allem anderen die ständig zunehmende körperliche Schwäche verhindert.

 

Als Matthes Kossick im Jahre 1883 nach Amerika ging, war das traditionelle Gemeinschaftsleben in Werben, trotz mancher Veränderungen, noch weitgehend intakt und mit diesem Eindruck verließ er die Heimat. Gerade in dieser emotional empfundenen Harmonie wurzelte das gesamte Leben und Schaffen Kossicks, bewahrt in der Erinnerung von der Vorstellung des „paradiesischen Charakters“ seiner Kindheit. Symbolisch für diese Harmonie am Ende eines langen Lebens erschien ihm und ich zitiere: „...der Dreiklang der Werbener Glocken, bekannt im ganzen Kreis als das schönste Glockenspiel, ständig ausbreitend ihre Melodie und immer wieder anders klingend und das Herz zur Andacht stimmend je nach Veranlassung der zeitlichen trüben und frohen Begebenheiten des vergänglichen Lebens.

 

Und schließlich möchte ich gern einst ruhen in der heimatlichen Erde anstatt hier im fremden Lande in Oklahoma, ursprünglich von Choctaw-Indianern beheimatet. Mit herzlichem Gruß an alle Freunde und Bekannte und Sie selbst, lieber Herr Kossatz, mit dem wendischen Abschiedsgruß: Wostanscho z Bogom!“ (Zitat aus einem Brief Kossicks an August Kossatz nach Werben vom 12. 4. 1939).

 

Reichlich drei Jahre vor seinem Tode schreibt der greise Dichter in einem seiner letzten Briefe in die Heimat: „Zwei zu Hause hatte ich auf Erden das erste in der Lausitz war das allerschönste, Heimat einer glücklichen Kindheit. Das zweite zu Hause, fern von der Lausitz, blieb mir immer fremd...".

 

Am 22. November 1940 schloss Mato Kosyk - Matthes Kossick für immer die Augen.

 

Werben, im Januar 2003

Siegfried Ramoth (1929 – 2011)

Ortschronist und Träger des BVK

 

 

 

Gedenkstein

Gedenkstein am Rosenplatz.